KW 04, ab 22. Jan.

22. Januar, Montag, Rock Sound

Beim Frühstück besprechen wir unsere Vorräte, wir verzehren nämlich gerade die letzten Toastscheiben. Da uns das trotz Röstens immer etwas labberig bleibende Brot allmählich zum Hals raushängt, beschließen wir, ab morgen selber zu backen, Brötchen und Brot. Nach Kontrolle der Vorratsschränke steht fest, dass wir auch alles für 3 oder 4 Pizzen Nötige an Bord haben. Ein Einkauf ist nicht zwingend erforderlich, die Crew geht trotzdem mit Einkaufstaschen an Land, vielleicht findet sich ja etwas Brauchbares. Andrea ist glücklich, beinahe euphorisch und schwimmt direkt zu einem der anderen Boote rüber. Für sie ist heute der erste echte karibische Tag mit Sonne, Strand und Meer.

Gestern haben wir drei Skipper uns über die verschiedenen Wassermacher unterhalten, der unsrige leistet anscheinend nur die Hälfte der Sollmenge. Ich werde heute eine Reinigung der Membrane durchführen, vielleicht nützt das ja was. Die Prozedur dauert einige Stunden, ich bleibe an Bord, um das Spülen zu überwachen. Gegen Mittag kommt ein Testanruf von Andrea über die Handfunke, nur so zum Ausprobieren. Ich bin gerade dabei, den letzten Spülvorgang mit frischem Meerwasser zu starten, als die Crew in erkennbar lustigem Zustand zurück kommt. Anstatt einzukaufen haben sie ein paar gemütliche Stunden in einer Strandbar bei karibischen Drinks verbracht. Zurück an Bord müssen sie ihren Rausch ausschlafen. Ich setze derweil den Pizzateig an und bereite alle Zutaten vor, Andi hilft mit beim Zwiebelschneiden. Ein paar Bier müssen auch noch in den Kühlschrank, dann kann die Party losgehen. Kurz vor sechs Uhr machen die Besucher ihre Dinghis an unserem Gäste-Dinghi-Dock, das ist die Backbordseite, fest.

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Pizzeria JABULO

Unser Backofen kann nur kleine Kuchenbleche fassen, deshalb gibt es die Pizzas der Reihe nach, jeder bekommt immer ein kleines Stück von jeder Sorte. Wie in Staniels Cay in der Teufelsbucht wird auch heute Abend wieder Meile um Meile Seemannsgarn gesponnen. Beide Bootsbesatzungen haben in Deutschland praktisch alles aufgegeben und werden die  nächsten Jahre auf dem Schiff an den schönsten Ecken der Welt verbringen. Wer mehr erfahren möchte, findet hier die beiden Webseiten: https://www.sy-worlddancer2-hamburg.de/ und http://sy-mora.de/ Die Party dauert bis um 11 Uhr, dann ist die letzte Pizza verzehrt und das kalte Bier getrunken.

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Große Party auf dem Achterdeck

Alle drei Skipper verfolgen ständig die Wettervorhersage. Spätestens am Mittwoch soll es anfangen kräftig zu wehen und eventuell sogar zu regnen. Kräftig heißt Starkwind um die 25 kn, in Böen bis zu 35 kn. Der Starkwind soll mindestens bis Sonntag anhalten, wir liegen hier sicher und geschützt. Auch wenn meine Crew mit den Hufen scharrt, bei dem Wind fahren wir nicht raus. Wir werden ein paar Tage hier verbringen.

23. Januar, Dienstag, Rock Sound

Am heutigen Dienstag ist das Wetter noch gut, es ist fast windstill, ein herrlicher Karibiktag. Andrea ist wieder einmal die Unternehmungslustigste und lässt sich von Andreas zu einer Erkundungstour an Land fahren. Nach einer längeren Wanderung steht sie irgendwann wieder am Ufer und winkt, dass wir sie abholen sollen. Irgendwie hat das mit dem Handfunkgerät nicht geklappt. Erst hat sie es von der Strandbar aus probiert, die eigentlich in Reichweite liegen sollte vergeblich. Ein freundlicher Bahamian hat sie dann zum näher gelegenen Dinghi-Dock mitgenommen. Ihre Wanderung hat für uns alle den angenehmen Nebeneffekt, dass sie 2 Flaschen Rum mitbringt. Unsere letzte Flasche enthält nur noch die Ration für medizinische Notfälle. Im Laufe des Tages zieht immer mehr hohe Cirrusbewölkung auf, das schlechte Wetter nähert sich. Die Solarzellen geben heute nicht mehr viel her. Ich verbringe den Tag am Computer mit dem Kopieren neuer Videofilme von einer Harddisk von Herwig, er seinerseits zieht sich Filme von meiner großen 3 TB Platte runter.

Für den Abend haben wir uns mit den anderen zu einem Sundowner in der Strandbar verabredet. Die Sonne ist zu dem Zeitpunkt leider bereits hinter Wolken verschwunden, den Sundowner können wir trotzdem trinken. Die Stimmung ist prima, keiner will so bald zurück aufs Schiff.

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Die Strandbar von Rock Sound

Die JABULO-Crew bestellt sich was zu essen. Als kostenlose Vorspeise offeriert man uns einen speziellen Conch-Salat, danach gibt es einen Salatteller und ein Hauptgericht, Fisch oder Fleisch mit Beilage Mit Getränken kommen wir für jeden auf über 40 $, ganz schön gesalzene Preise haben die hier. Nach dem Zahlen geht es zurück zu den Booten, wo eine unschöne Überraschung auf uns wartet. Anscheinend ist um diese Uhrzeit Tiefwasser, die Dinghis liegen alle mit den Motoren auf und müssen mit hochgeklappter Schraube aus der kleinen Bucht herausgerudert werden. Natürlich hat JABULO kein Ankerlicht gesetzt, weil wir eigentlich nur einen Drink nehmen wollten, wir finden dennoch zurück.

24. Januar, Mittwoch, Rock Sound

Heute gibt es zum Frühstück erneut frische selbst gebackene Brötchen, die werden von Tag zu Tag besser. Und wenn der Ofen schon heiß ist, wird ein Brot nachgeschoben. Die Crew stellt eine Einkaufsliste zusammen, sämtliche Wäsche wird in die zwei Wäschesäcke verstaut und ab geht es an Land. Ich sichte derweil die neuen Videofilme und reorganisiere meine Festplatten, um Platz dafür zu schaffen. Bei der Gelegenheit erstelle ich gleich ein neues Backup meines Rechners.

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Selbst gebackenes Brot

Die Crew kommt nach ein paar Stunden zurück und hat neben der frisch duftenden Wäsche und den üblichen Nahrungsmitteln wie Bananen, Obst, Keksen usw. Hummer und Fisch mitgebracht. Die Wäsche wird zum Trocknen aufgehängt, ganz JABULO flattert. An den Vorschoten blähen sich die Bettlaken im Wind wie Ballonsegel. Nach dem obligatorischen Nachmittagskaffee verschwindet Andrea aufs Vordeck zu einem Dauertelefonat mit ihrem Freund zu Hause. Per Whats-App oder Threema, wie ich es benutze, können wir praktisch kostenlos mit zu Hause telefonieren.

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Die Hummer der Bahamas

Wie bereitet man nur die Hummer zu?? Natürlich wie die Engländer all ihre Gerichte zubereiten: Wasser zum Kochen bringen, Hummer reinwerfen, zehn Minuten warten und fertig. Die hiesigen Hummer sind wesentlich kleiner als ihre nordischen Verwandten, sie haben auch keine Zangen. Einzig der Schwanz enthält schmackhaftes Muskelfleisch. Auch die Bahama-Hummer werden im kochenden Wasser rot, tot waren sie schon vorher. Der Fische sind ziemlich klein und werden gebraten, die vielen Gräten rauszupulen ist etwas mühsam.

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Hummer und Fisch

Noch ist der Starkwind nicht eingetroffen, das Meer ist glatt und wir sitzen noch lange in der Stille draußen. A propos Stille: Von Land hören wir mehr oder weniger intensiv Reggae und karibische Musik zu uns herüber schallen. Eigene Musik dagegen zu halten macht die Sache nur schlimmer. Also lassen wir uns beschallen, bis am späten Abend dann endlich komplette Ruhe einkehrt. Der Mond geht in Richtung Vollmond und erhellt bereits die Bucht. Am 31. Januar ist Vollmond, diesmal ein besonderer. Die Entfernung von der Erde ist ungewöhnlich kurz, der Mond erscheint ca. 10% größer als normal. Außerdem soll es den sogenannten Blutmond geben, die Erde steht dabei zwischen Sonne und Mond und deckt ihn ab, es handelt sich um eine spezielle Mondfinsternis. In Europa ist sie nicht zu sehen, wohl aber in Amerika, wir werden die Augen offen halten.

25. Januar, Donnerstag, Rock Sound

Am Vormittag lassen Andrea und Andi sich an Land fahren, die Insel weiter zu erkunden. Ab dem Mittag geht es dann los mit dem erwarteten schlechten Wetter. Die Bewölkung nimmt zu, es regnet vereinzelt und der Wind wird stärker, bis er die vorhergesagten 25 kn erreicht hat. Uns fehlen ein paar Sonnenstunden zum Batterieladen, der Ladezustand sinkt bis auf 65% ab. Die Wellen nehmen zu, ab jetzt wird man bei Dinghi-Ausflügen nass. Ich schreibe endlich meinen Blog für die KW 3 und buche meine Flüge für den April.

Als unsere beiden Landgänger am Nachmittag zurück kommen, sind sie todmüde und legen sich für ein Weilchen hin. Andrea hat eine Kneipe aufgetan, die von einer Dame namens Rose bewirtschaftet wird. Die beiden haben ausgemacht, dass wir am nächsten Montag dort zum Essen hingehen werden, es gibt bahamische Küche. Die heutige Küche ist eher karg, zum Abendessen gibt es nur einen Salat mit selbst gebackenem Brot. Zukünftig wollen wir versuchen, möglichst Selbstversorger in Sachen Brot zu werden. Ein Toastbrot kostet hier locker 2- 4 Dollar, dafür können wir mehrere Kilo Mehl kaufen und ne Menge Gas verbrennen. Und schmecken tut das selbst gebackene ohnehin besser. Als Abendunterhaltung zeige ich meinen Vortrag vom Raumfahrtzentrum in Kourou, bei dem schlechten Wetter kann man nur bedingt draußen sitzen.

26. Januar, Freitag, Rock Sound

Der Starkwind hat die ganze Nacht hindurch geweht, das Rigg heult und bei starken Böen schwankt JABULO leicht vor und zurück. Ansonsten liegt der Katamaran sehr ruhig im Wasser, auch wenn draußen recht kräftige Wellen aufgebaut werden. Ansonsten ist die Bewölkung aufgelockert, die Sonne strahlt mächtig durch die Wolkenlücken und lädt den Stromverbrauch der Nacht nach. Zum langen Draußensitzen ist es eigentlich zu ungemütlich, wir essen trotzdem im Cockpit. Es gibt Kochbananen, die eigentlich irrtümlicherweise eingekauft wurden, dazu Reis und eine Gemüsesauce. Dann geht es rein in die warme Stube, wir sehen wir uns den über 3 Stunden langen Monumentalfilm Lawrence von Arabien von 1962 an. Andrea ist irgendwie so hibbelig vom langen Stillsitzen, dass sie direkt nach dem Film über Bord springt zu einem kleinen Nachtschwimmen. Die anderen gehen schlafen, wir beide sitzen noch bis spät in die Nacht im Salon beieinander und führen tiefschürfende Gespräche. Je tiefsinniger das Gespräch wird, desto tiefer sinkt auch der Flüssigkeitsstand in der Rumflasche vor uns. Wir schaffen es immerhin ins Bett, bevor die Flasche leer ist.

27. Januar, Samstag, Rock Sound

Am Morgen sind fleißige Handwerker schon früh in unserer Backstube zugange. Die Brötchen sind schon fertig und ein Brot ist im Ofen, als ich wach werde. Andrea und Andi fahren nach dem Frühstück zur MORA auf einen kleinen Morgenplausch, ich beantworte meine neu eingetroffenen Bewerbungen aus Hand-Gegen-Koje. Der Wind bläst immer noch konstant mit um die 20 kn aus Ostsüdost. Die Sonne kommt aber immer öfter durch, gut für die Batterieladung.

Interessanterweise haben sich für die Etappe durch die inneren Karibikstaaten wieder mehrere alleinreisende Frauen beworben. Von den Männern kommen jetzt mehr und mehr Nachfragen für die großen Etappen über den Pazifik, die ich noch gar nicht ausgeschrieben habe. Hier melden sich fast immer Rentner, die am liebsten den ganzen Rest der Reise, dabei bleiben würden, also mehrere Jahre lang. Alle haben angeblich zigtausende Meilen auf dem Buckel und alle möglichen Segelscheine, die ich selbst nicht habe. Ich tue mich schwer mit diesen Anfragen. Jeder Langzeit-Mitsegler belegt einen Dauerplatz auf dem Schiff, was meine Freiheit, spontan Familie, Freunde und Bekannte sowie ehemalige Mitsegler mitzunehmen, stark beeinträchtigt. Außerdem kann es bei mehreren Skippern an Bord leicht zu Unstimmigkeiten kommen. Ich muss mich zum Glück nicht sofort entscheiden. So wie es aktuell aussieht, ist der gesamte bisher ausgeschriebene Törn bis zur Panama-Kanal Durchquerung im Sommer 2019 vorläufig ausgebucht.

Nach dem Mittag fährt die Crew zum Großeinkauf und kommt mit neuem Mehl, Zucker, Kaffe und Kaffeefilter, Fleisch sowie Obst und Gemüse zurück. Die mitgebrachten Hähnchenkeulen werden gleich am Abend im Backofen gegrillt, dazu gibt es den Rest Reis von gestern, dazu ein Gemüse, das aussieht wie Pepperonischoten, aber wie Bohnen schmeckt.

28. Januar, Sonntag, Rock Sound

In der Nacht lässt der Wind nach auf um die 15 kn, ein benachbarter Katamaran bricht frühmorgens auf in Richtung Norden, bei dem Wind kann er in einem Rutsch bis nach Nassau segeln. Die Wellen werden auch etwas kleiner, wir haben soviel Sonnensschein, dass der Wassermacher 4 Stunden laufen kann und die Batterien trotzdem noch aufgeladen werden. Sabine backt eine Apfeltorte in der Springform mit den gestern gekauften Äpfeln. So langsam haben wir den Bogen raus, wie man mit dem Gasbackofen umgehen muss.

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Selbst gebackene Apfeltorte schmeckt doch immer noch am Besten!

Andrea unternimmt wieder einen Spaziergang an Land, ich platziere die gestern hochgeladenen Fotos in den entsprechenden Stellen im Blog, jetzt ist die Reise seit Deltaville im November auch bildlich mit zu verfolgen.

Ralph funkt uns an, wir sollen uns doch heute Abend zu einem Sundowner in der Strandbar treffen. Gute Idee, Andrea und Andi wollen nicht mit, sondern bleiben an Bord um Essen zu kochen. Als wir in der Bar ankommen, verabschiedet sich gerade eine Gruppe Kreuzfahrttouristen, die wie schon zu Anfang der Woche  beobachtet, hier vorgeführt bekommen, wie man eine Conch-Muschel knackt und wie der daraus bereitete Conch-Salat schmeckt. Natürlich wird aus dem einen Sundowner eine längere fröhliche Runde, wir sind erst um 20:00 Uhr auf JABULO zurück. Die beiden Bordwachen haben längst gegessen, für uns wird schnell noch etwas warm gemacht. Bei Bratwurst und Kartoffeln ist das zum Glück kein Aufwand. Dazu gibt es eine Avocado-Creme, die wir mit Crackern zusammen genießen. Danke Andrea.

Das Wasser wird immer ruhiger, wir sind bei der Dinghi-Rückfahrt zwar noch nass geworden, aber es besteht Hoffnung auf besseres Wetter. Wir hören noch ein wenig Musik, diesmal Rock-Musik, damit nicht alle gleich einschlafen, letztlich landen wie auf Wunsch des Publikums dennoch bei Pink Floyd. Dazu passt der heutige Mond, er ist fast voll und steht beinahe senkrecht über uns. Um ihn herum hat sich ein ringförmiger klarer Bereich gebildet, der bestimmt 10° Öffnungswinkel aufweist. Am Rand ist ein klar erkennbarer „Regenbogen“, der ganz um den Mond herumgeht. So etwas hat keiner von uns jemals gesehen. Wir versuchen, Fotos davon zu machen, aber die Blendenautomatik tut sich schwer damit.

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Bei genauem Hinsehen kann man den Ring erkennen

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