KW 03, ab 15. Jan

15. Januar, Montag, Spanish Wells

Nach dem Sonntag in Wartestellung entfaltet sich am Montagmorgen beträchtliche Aktivität in der R&B Werft. JABULO liegt direkt neben der Hebebühne, die für uns vorbereitet wird. Es handelt sich um eine große Plattform, die an vier Seilwinden rauf und runter gelassen werden kann. Einen Bootslift mit Tragschlaufen wie in den meisten Werften gibt es hier nicht, es wäre auch kein Platz, das Schiff irgendwo hin zu transportieren. Direkt vor der Hebebühne verläuft nämlich die Hauptstraße von Spanish Wells, wo sich reger Verkehr mit den Golf Carts und vereinzelten richtigen Autos abspielt. Auf der anderen Straßenseite liegen Gebäude und es geht sofort steil bergan. Alle Reparaturen in dieser Werft finden im Wasser oder auf einer dieser Hebebühnen statt. Robert, einer der beiden Werftinhaber, vermisst unseren Katamaran so gut wie möglich. Damit JABULO sicher so aufgebockt stehen kann, dass man auch an den Kielen Arbeiten kann, müssen mehrere mächtige Querbohlen exakt an die richtige Stelle genagelt werden. Darauf kommen noch große Holzklötze, die oben mit flachen Brettchen möglichst waagerecht ausgerichtet werden. Die Holzkonstruktion wird zusammen genagelt, damit sie beim Absenken nicht aufschwimmt. Wir lassen noch schnell unser Dinghi ins Wasser, damit wir beweglich sind und außerdem haben wir so den gesamten Platz auf der Achterplattform zur Verfügung.

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Die Hebebühne wird vorbereitet

Dann geht es los, die Bühne wird abgelassen, an je zwei Vor- und Heckleinen auf jeder Seite wird JABULO langsam einmal um 90° gedreht, bis sie exakt über der Mitte der Arbeitsfläche schwimmt. Robert geht mit Taucherbrille und Luftschlauch ins Wasser und dirigiert das Schiff auf wenige Zentimeter genau an die richtige Position. Am Heck und am Bug werden noch unter Wasser zusätzliche Abstützungen angebracht. Langsam, ganz langsam hebt sich JABULO nach oben, um 11:00 Uhr hat die Plattform Straßenniveau erreicht, ein paar weitere Unterstützungen werden angebracht. Sobald alles trocken ist, können die Reparaturen beginnen.

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JABULO hebt sich langsam aus dem Wasser

Wir befestigen eine Trittleiter am Steuerbord-Heck, für die nächsten Tage wohnen wir auf einer Aussichtsplattform ca. 4-5 m über dem Wasser.

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JABULO auf dem Logenplatz

Ein Kabel zur Stromversorgung ist schnell verlegt, unsere Wassertanks sind noch ziemlich voll. Lediglich die Toiletten können wir nicht benutzen. Im gegenüberliegenden Werkstattgebäude ist eine Toilette mit Dusche, beides entspricht nicht gerade mitteleuropäischen Hygienestandards, für ein paar Tage wird es gehen müssen. Mit Robert begutachte ich die Schäden. Der Backbordkiel hat bös was abbekommen, es fehlen ca. 10 cm GFK an der Hinterkante, auch vorne sind ein paar Zentimeter einfach weg. Man kann sehr schön erkennen, dass die Kiele ursprünglich aus zwei Platten zusammengeklebt sind. Der schlimmste Schaden ist der an der Hinterkante. Beide Kiele zeigen Abschürfungen an der Unterseite, ebenso beide Ruder, das Steuerbordruder ist um ein paar Grad nach innen verbogen. Auf der Herfahrt von Royal Island hatte ich schon bemerkt, dass der linke Antrieb schüttelt, jetzt ist klar warum, die Schraube hat eine Delle in einem Flügel und sitzt lose auf der Welle. Lediglich das Sicherungsblech der Befestigungsmutter hat verhindert, dass sie abgeflogen ist.

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Nach dem Mittag macht sich einer der Werftarbeiter dran, das ganze beschädigte GFK abzuschleifen. Er holt dabei soviel Material runter, dass mir angst und bange wird. Es staubt unheimlich, die Schleifmaschine macht einen Mordskrach, gegenüber läuft ein Dieselgenerator als Stromquelle für Arbeiten an einem Fischtrawler. Meine Crew verlässt den ungastlichen Ort und geht im Ort spazieren. Ich bleibe, man weiß ja nie, was noch zum Vorschein kommt.

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Tagelanges Schleifen und Kleben

Um 17:00 ist auch in Spanish Wells Feierabend, Stille kehrt ein. Nur der Wind heult und zerrt mächtig am Rigg, die ganze Hebebühne zittert unter den 20-25 kn, die von Norden über die Insel wehen. Zum Glück liegen wir genau mit dem Bug im Wind und können bis auf die Kletterei zur Toilette fast normal im Schiff und im Cockpit leben. Das Wetter soll die kommenden Tage mit starken Winden, Regenschauern sehr wechselhaft bleiben, wir machen das Beste draus. Nach Sonnenuntergang kühlt es ab, wir verbringen einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher mit einer deutsch-französischen Liebeskomödie und Pop Corn aus der Mikrowelle.

16. Januar, Dienstag, Spanish Wells

Der Lärm der Schleifmaschine direkt unter mir weckt mich, auch Andi kann nicht mehr schlafen. Die Anderen sind Frühaufsteher und schon lange wach. Wir frühstücken draußen auf unserem erhöhten Logenplatz und genießen die Aussicht auf die vorbeifahrenden Boote und die gegenüberliegende verwilderte Insel. Genau vis-a-vis liegen zwei ziemlich vergammelte kleine Segelboote, die die im Takt der Gezeiten entweder schwimmen oder auf der Seite im Schlick liegen.

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Ebbe direkt gegenüber

Zu unserer Überraschung kommen hin und wieder ziemlich große Küstenfrachter und eine Katamaranfähre durch den Kanal gefahren, die Einfahrt ist anscheinend doch tiefer als wir gedacht haben oder wir sind falsch gefahren. Später erzählt mir Robert, dass die Betonnung der Mündung immer wieder von irgendwem gestohlen wird, er hat bereits eine neue Boje liegen, die er heute auslegen wird. Man muss beim Einlaufen mit Backbord tatsächlich bis auf 5 m an das linke Ufer ranfahren. Nur dort wird regelmäßig ausgebaggert.

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Schon von Weitem zu sehen, sind wir eine der Attraktionen des Hafens

Noch während des Frühstücks kommen von rechts, aus Richtung Marina, zwei Dinghis angetuckert, die unser an der Werft vertäutes Boot als Hinweis verstehen, hier sei ein Dinghi-Dock. Von einem der Dinghis begrüßt mich eine Frau freudig mit „Hallo Uwe, was macht Ihr denn hier??“ Gesicht kommt mir bekannt vor, ich kann sie aber nicht einordnen. Sie klärt mich auf, wir haben uns in Deltaville getroffen. Langsam dämmert es mir, es sind Heike und Herwig aus Hamburg von der Worlddancer II, einer Aluminiumyacht. Worlddancer hatte im September dicht neben JABULO gelegen. Heike und ich hatten uns bei der Waschmaschine erst prima auf Englisch unterhalten, bis wir beide merkten, dass wir auch Deutsch, im Notfall sogar Plattdeutsch miteinander reden könnten. Worlddancer und ein weiteres deutsches Boot, die MORA mir Monika und Ralph, waren gerade von den USA eingelaufen und wollten in Spanisch Wells einklarieren. Beide Yachten sowie ein weiterer Bekannter, die Miss Molly aus England, ankern draußen vor der Hafeneinfahrt. Ich habe leider keine Zeit für einen Besuch draußen, ich verfolge lieber die Arbeiten am Schiff.

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Andrea vergnügt sich mit Dinghi-Fahren bei Vollgas

Außerdem haben wir selbst noch Arbeit vor uns, wir müssen endlich das Eindringen von Wasser durch die Lewmar-Luken in den Griff bekommen. Insbesonder die Luke über meiner Koje leckt enorm. Bisher habe ich vermieden, eine Luke komplett zu demontieren, aber ich sehe keine andere Lösung. Zu dritt machen wir uns ans Werk, nach dem Lösen der Schrauben schneiden wir mit dem Tapetenmesser mühsam die alte Klebemasse durch, reinigen alles akribisch und setzen den Alurahmen mit frischem Silikon wieder ein. Zur Sicherheit wird noch eine Lage um die Außenfuge gelegt und glatt gestrichen. Der nächste Regen kommt bestimmt und wird über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Nach dem Mittag beginnen zwei Werftarbeiter mit dem Wiederaufbau des demolierten Kieles. Zuerst basteln sie eine Negativform aus Platten, die links und rechts am Kiel befestigt werden, dann wird schnell aushärtender Schaum eingespritzt, damit das Ganze einen Vollkern erhält. Nach zwei Stunden kann geschliffen werden. Die erste Lage Glasfasermatten wird kurz vor Feierabend aufgetragen. Ich habe in der Schleifpause den linken Propeller abmontiert, in einer Ersatzteilkiste führe ich einen Ersatz mit. Der Vorbesitzer war zwar ein Pfuschbastler vor dem Herrn, aber zumindest hat er jede Menge Ersatzteile an Bord gehabt.

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Der Ersatzpropeller passt

Zum Abendessen gibt es rohe Bratkartoffeln mit Bratwurst, ganz wie in Deutschland. Der Wind ist immer noch recht kräftig, aber es wird trocken, wir hören im Cockpit Musik nach Wunsch der Crew, die Stimmung ist derartig gut, dass Andrea sogar auf den Sitzbänken tanzt. Andi hat ihr einen kräftigen Ti’-Punch angemischt, der sicherlich nicht ganz unschuldig an dieser Einlage ist. Zum Duschen gehen Andreas und ich nacheinander rüber in die „rustikale“ Dusche, die leider nur mit leicht salzigem, kaltem Wasser aufwarten kann. Die Damen trauen sich ohne Bewachung nicht allein rüber, die Tür lässt sich nicht verriegeln. Zum Abschluss gibt es wieder eine französiche Komödie: „Endlich Witwe“

17. Januar, Mittwoch, Spanish Wells

Am Vormittag wird am Backbordkiel Lage um Lage Glasfasermatten aufgelegt, angeschliffen, aufgefüllt usw. bis die Form exakt stimmt. Ein zweiter Mann bearbeitet die Vorderkante. Wir versuchen derweil das krumme Steuerbordruder auszubauen, hinter der Achterkabine müssen nur drei Schrauben gelöst werden, dann rutscht es einfach nach unten raus. Leider ist die Welle so lang, dass das Ruder nicht seitlich freikommt. Robert lässt unter dem Ruder eine der Bohlen der Hebebühne ausbauen, es reicht immer noch nicht, das Ruder kommt nicht frei. Die einzige Möglichkeit besteht in einem Ausbau unter Wasser, wenn JABULO wieder schwimmt. Am Nachmittag muss JABULO an Backbord etwas angehoben werden, damit die Kielunterseite repariert werden kann. Dazu müssen wir von Bord, das Ganze könnte evtl. abrutschen, weil die großen Klötze entfernt werden müssen. JABULO steht links nur noch auf mehreren Dreibeinen, der Kiel schwebt frei.

Wir machen uns auf den Weg zu einem Spaziergang zum Ostende der Insel, weit ist das nicht. Von hier ist die Hauptinsel Eleuthera zum Greifen nahe, kleine Fährschiffe verbinden Spanish Wells mit dem gegenüber liegenden Ufer. Man kann von hier aus auch nach Norden in den offenen Atlantik rausfahren oder den Weg außen um Eleuthera herum nach Harbour Island nehmen. Die Route heißt Devil’s Back Bone ist ohne einheimischen Lotsen nicht zu bewältigen. Reizen würde es mich ja dort durch zu segeln, aber dann kämen wir bis zur Südspitze der Insel nirgends mehr in eine windgeschützte Bucht, wir werden innen bleiben. Auf der dem offenen Atlantik zugewandten Seite bei Windstärke 5 oder gar 6 zu ankern, ist nicht gerade ein Vergnügen. Der Spaziergang führt uns auf der Nordseite der Insel zurück nach Westen, es beginnt heftig zu regnen. Wir suchen Schutz in der nächstgelegenen Kneipe, dem Buda’s, wo wir bereits am Sonntagabend zum Essen waren. Wir bestellen den Rumdrink des Hauses, der im Gegensatz zu den sonst üblichen Mixgetränken nicht rot oder orange ist, sondern giftgrün. Einen großen Unterschied im Geschmack können wir nicht ausmachen, der viele Zucker überdeckt alles andere. Sabine ordert wieder eine Pinacolada, die wie in Staniel Cay in erster Linie aus gemahlenem Eis besteht und so kalt ist, dass ihr die Plomben in den Zähnen klappern. Zum Knabbern genehmigen wir uns ein paar Chicken Wings und frittierte Zwiebelringe. Irgendwie ist hier alles wie in den USA, vielleicht haben wir irgendwann Glück und finden ein Restaurant mit einheimischer Küche.

Der Regen hört auf, wir wandern zum Schiff zurück, es steht immer noch auf den Dreibeinen. Also drehen wir die nächste Runde. Wenige Hundert Meter weiter befindet sich die Anlegstelle für die Katamaran-Schnellfähre, die morgens von Nassau auf dem Hinweg und nachmittags auf dem Rückweg hier anlegt. In dem Wartehäuschen nehmen wir Platz auf den Sitzbänken und schauen uns das Treiben an. Alle paar Minuten kommen und gehen kleinere Zubringerboote und laden Gäste, Gepäck und Waren aus. Der Verkehr auf der Straße ist für so eine kleine Insel enorm. Anscheinend muss jeder dauernd von A nach B, die Golf-Carts haben es meist sehr eilig. Es versammeln sich immer mehr Leute, die Fähre muss wohl bald kommen. Um kurz nach vier kommt sie um die Ecke gebogen, nach einem rasanten Anlegemanöver wird ganz vorschriftsmäßig eine rollstuhlgerechte Gangway installiert, das Einsteigen erfolgt sehr ruhig und diszipliniert. Am Heck werden diverse Kühlkoffer mit Fisch aus der am Hafen liegenden Fischfabrik verladen, Nachschub für die Restaurants in Nassau. Spanish Wells verfügt über die größte Trawlerflotte der Bahamas und landet in der Sommersaison bis zu drei Viertel der gesamten Fangmenge des Landes an. Der Katamaran legt ab, die kleinen Zubringerboote nehmen die Ankömmlinge auf und bald sitzen wir als Einzige im Wartehäuschen. Es wird kühl, wir beschließen die nächste Kneipe oder das nächste Restaurant anzulaufen.

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Leider ist es zu kalt zum Draußensitzen

Direkt am östlichsten Punkt der Insel, an dem wir heute bereits waren, sind wir die einzigen Gäste. Wir bestellen Tee und Kaffee, mehr Geschäft ist mit uns leider gerade nicht zu machen.

Der Tee wärmt ein wenig und die Arbeiten am Kiel sollten eigentlich auch fertig sein. Als wir zurück kommen, steht JABULO wieder mit seinem Kiel auf den massiven Holzklötzen, wir können an Bord gehen. Aus unseren Vorräten zaubert Sabine Kartoffelbrei mit einer Sauce aus Kidney-Bohnen und Würstchen. Weil es ziemlich frisch ist, bleiben wir im Salon und schauen uns die dritte französische Komödie in Reihe an. „Sie sind ein schöner Mann“

18. Januar, Donnerstag, Spanish Wells

Wir müssen nach dem Frühstück wieder von Bord, JABULO wird ein zweites Mal hochgebockt. Die Crew mietet sich für einen Tag einen Golf-Cart für eine Inselrundfahrt.

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Das Standardfahrzeug der Bahamas, das Golf-Cart

Ich nehme meinen Computer im Rucksack mit und suche einen Platz, an dem ich in Ruhe eine weitere Woche Blog schreiben kann. Eigentlich hatte ich an den Yachtclub gedacht, aber an der Straße finde ich unter einem Schatten spendenden Baum eine Biertischgarnitur, die mich geradezu magisch anzieht. Ich verbringe dort  fast drei Stunden schreibenderweise, jeder Vorbeifahrende grüßt mich freundlich. „Büro unter Palmen“ ruft mir einer zu. Irgendwann kommt auch meine Crew vorgefahren, ich bin aber noch nicht fertig und bleibe, bis eine Woche dokumentiert ist. Der Akku gibt noch genügend her, um alles auf WordPress hochzuladen. Ich schätze, dass ich für jeden Tag der Reise eine knappe halbe Stunde Schreibarbeit für den Blog habe. Leider habe ich nicht die Disziplin, diese halbe Stunde gleich jeden Abend aufzubringen.

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JABULO steht immer noch auf den Böcken, als ich zurückkomme. Andi hat die Chance genutzt, die Außenluken mit einer weiteren Lage Silikon von außen abzudichten, solange das Schiff auf dem Trockenen steht. Andrea und die Klassens gehen mit dem Golf-Cart einkaufen, morgen geht JABULO zurück ins Wasser und was wir haben, haben wir. Ich bleibe vor Ort und schaue mir den Werftbetrieb an. Auf der benachbarten Hebebühne steht seit gestern ein Motorboot mit drei Außenbordmotoren von je 300 PS, zwei Monteure führen offensichtlich die Inspektion durch. Unmengen von Öl werden abgelassen und nachgefüllt. Jeder Motor hat 6 Zündkerzen, die gewechselt werden wollen. Einer der Monteure erzählt mir, dass das Boot bei Vollgas mit 900 PS knapp 60 Knoten läuft, wie viel Benzin da durchläuft, sagt er aber nicht.

Am Mittag sind die GFK-Arbeiten praktisch fertig, die reparierten Stellen sind mit Schutzfarbe gestrichen. JABULO kann wieder stabil auf die Kiele abgesenkt werden. Jetzt bleibt noch eine Stelle am oberen Ende des Backbordkiels übrig, an der der Schutzlack bzw. das Gelcoat beim Verwinden des Kiels beim Aufsetzen angeplatzt ist. Der GFK Spezialist schleift den Bereich großflächig sauber und trägt GFK auf. Er versichert, dass heute Abend alles fertig sein wird.

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Der Kiel ist tip-top repariert

Ich bespreche mit Robert, was wir mit dem Ruder machen können. Für die Reparatur veranschlagt er mehrere Tage. Frühestens morgen Nachmittag können wir es unter Wasser ausbauen, dann muss die eine Hälfte des Ruderblattes komplett abgeschliffen werden, um die Welle freizulegen. Dann kommt die Welle in eine hydraulische Presse zum Richten und anschließend wird das Ruderblatt neu auflaminiert. Wir untersuchen das Ruder ein weiteres Mal genau. Die Welle besteht aus Massivmaterial, nicht aus einem Rohr wie bei vielen andern Yachten und es kann frei drehen. Ich entscheide, das Ruder so krumm wie es ist, einzubauen. Gesagt- getan, Andreas und ich montieren das Ruder und befestigen den Ersatzpropeller auf Backbord mit Überwurfmutter und Sicherungsblech. Morgen Vormittag geht es zurück ins nasse Element.

19. Januar, Freitag, Spanish Wells => Royal Island 5 nm

Die Werftarbeiter räumen allen Müll, alles Werkzeug, allgemein alles was wegschwimmen kann, von der Hebebühne. Natürlich ist die Rechnung auch schon fertig, ich zahle per Kreditkarte ca. 3.000 $ für den Spaß. Die Leinen werden an den Pollern belegt, die Hebebühne senkt sich mit unserem Schiff langsam nach unten. Als JABULO frei ist, fahre ich rückwärts aus der Box heraus und drehe das Schiff um 90°, damit wir wieder an den zwei Pollern festmachen können. Ich würde gern noch Wasser nachfüllen, aber das Werftwasser ist leicht salzig und nicht als Trinkwasser geeignet. Also werfe ich unseren Wassermacher an, ein Tank ist ganz leer und der andere halb. Zum Reinemachen ist das Werftwasser aber gut genug. Die Crew macht sich mit Schlauch, Eimern, Schrubbern und Besen ans Werk. Überall liegt der Staub von den Schleifarbeiten rum und wir haben auch eine Menge sonstigen Dreck mit unseren Schuhen an Bord geschleppt.

Blitzsauber legen wir um die Mittagszeit ab, wir wollen endlich raus aus Spanish Wells. In der Ausfahrt liegt die versprochene neue Ausfahrtstonne, die Fahrrinne ist klar zu erkennen. Gleich um die Ecke liegen Miss Molly und ein weiteres Schiff vor Anker. Hier ist mir das zu offen, wir wollen wieder zurück in den geschlossenen Hafen von Royal Island, die 5 Meilen schaffen wir in einer Stunde. Bei der Einfahrt in die Bucht wird es noch einmal kritisch, ich fahre ein paar Meter weiter links als beim ersten Mal und kratze mit dem neu lackierten Steuerbordkiel über eine Untiefe. Andrea steht zwar vorne am Bug und schaut, aber ihr Warnruf kommt zu spät. Zum Glück sind wir sehr langsam, ein Tauchgang zeigt, dass tatsächlich nur der äußere Lack abgekratzt ist. Dann liegen wir sicher vor Anker und genießen die Stille und das leichte Schaukeln des Schiffes.

Kurz vor Sonnenuntergang kommt Miss Molly angesegelt. Phil, den ich in Deltaville kennen gelernt habe, kommt auf einen kurzen Besuch zu uns rüber. Er erzählt, dass die gerade neben uns liegende kanadische Yacht vor ein paar Tagen Feuer an Bord hatte und sämtliche Feuerlöscher aller anwesenden Yachten nicht gereicht haben, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Zum Schluss haben die Helfer nur noch Wasser drauf gekippt. An Bord waren der Skipper und seine achtjährige Tochter. Der Skipper hat Verbrennungen im Gesicht erlitten und ist von Phil nach Spanisch Wells zum Arzt gebracht worden und von dort aus mit der Fähre nach Nassau. Jetzt will Phil morgen mit einem andern Helfer zusammen die kaputte Yacht nach Spanish Wells schleppen.

Nach seinem Bericht dieser unschönen Geschichte planen wir unsere Weiterreise. Morgen kommt der Wind aus Ost bis Südost, wir sollten damit eigentlich ins Innere von Eleuthera kommen, dazu müssen wir aber früh aufstehen. Die Durchfahrt durch Current Cut müssen wir mit dem Ebbstrom vor elf Uhr erreichen, ansonsten kommen wir gegen die Tide nicht mehr gegenan. Current Cut ist einer der begehrtesten Tauchspots weltweit, weil es hier Strömungen von bis zu 6 Knoten geben kann und entsprechend viele Fische mit hindurch gezogen werden.

20. Januar, Samstag, Royal Island => Hatchet Bay 34 nm

Pünktlich um 07:00 gehen wir Ankerauf, Frühstück gibt es erst, wenn wir durch Current Cut durch sind. Mit dem Vorsegel können wir den Kurs genau draufzu halten. Je näher wir kommen, desto schwächer wird der Wind, aber ich will ohnehin nicht durch diese Gefahrenstelle hindurch segeln. Aus dem Segelhandbuch wird nicht ganz klar, ob der Strom bei Ebbe rein nach Eleuthera oder raus geht. Nach meinen Überlegungen müsste er nach innen fließen, Tiefststand ist erst um 11:00 Uhr. Wir sind schon um 09:00 dort und ich fahre vorsichtig mit 4 Knoten unter Maschine in den Kanal. Ich habe recht, der Strom ist mit uns, JABULO beschleunigt ohne mein Zutun auf über 7 Knoten. Ich komme mir vor wie in Kanada mit all den Strudeln und abrupten Richtungswechseln. Andrea schießt fleißig Bilder von den verschiedenen Wellenbildern. Als wir durch sind, ist das Wasser zunächst ganz ruhig. Es hat Platz sich auszubreiten. Wir können frühstücken, bzw. die Crew kann frühstücken, der Ausfahrtkanal ist zu flach und tückisch als dass ich dem Autopiloten das Schiff überlassen kann.

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Die Durchfahrt von Current Cut

Nach ungefähr einer Meile sind wir aus dem Flachwasserbereich raus, dafür kommt der Wind jetzt fast genau von vorne und bildet mit dem auslaufenden Ebbstrom eine kabbelige Welle aus. Ich frühstücke auch und dann motoren wir noch eine Stunde weiter bis wir sicher frei sind von sämtlichen Untiefen. Wir haben Zeit, bis nach Hatchett Bay sind es nur noch10-12 Meilen in direkter Linie. Also setzen wir beide Segel und kreuzen uns gemütlich an die Insel heran. Die zurückgelegte Distanz verdoppelt sich dadurch zwar, aber wir erleben einen schönen Segelnachmittag. Auf dem letzten Holeschlag nach Norden holen wir 2 Meilen vor der Einfahrt von Hatchett Bay die Segel ein und fahren das letzte Stück wieder mit Maschine.

Seit gestern haben wir offenbar ein Abonnement für schmale Durchfahrten gewonnen, erst war es die Ausfahrt von Spanish Wells, dann die Einfahrt nach Royal Island, heute Morgen die Durchfahrt durch Current Cut und jetzt kommt die engste Passage überhaupt. Hatchett Bay war ursprünglich ein Binnensee, nur durch eine schmale Korallenwand vom Meer getrennt. Irgendwann hat man einen Durchgang frei gesprengt, der beim Näherkommen für unseren Kat zu schmal zu sein scheint.

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Passen wir da hindurch???

In Wirklichkeit ist er knapp 30 m breit, allerdings an den Rändern nicht wirklich tief. Mit ziemlichem Tempo fahre ich hindurch, Andrea und Andi stehen beide am Bug und halten Ausschau nach Untiefen.

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Es reicht locker !!

Nach der Durchfahrt öffnet sich eine Art Kratersee. Obwohl hier nie ein Vulkan war, sieht es dennoch so aus. In der Mitte ist es schön tief mit bis zu 10 Metern, wir ankern am östlichen Rand auf 3-5 Meter Wassertiefe. Hier drinnen liegt man wirklich wunderbar geschützt von allen Seiten. Am Südufer befindet sich eine kleine Ansiedlung, bei Einbruch der Dämmerung klingt von dort laute Trommel- und Trompetenmusik herüber, während der Nacht bleibt es so ruhig, dass das Gegacker von Hühnern und ein gelegentliches Hähnekrähen zu uns rüber kommt.

21. Januar, Sonntag, Hatchet Bay => Rock Sound 38 nm

Das frühe Lossegeln hat sich bewährt, auch heute starten wir pünktlich um 07:00 Uhr. Frühstück gibt es später irgendwann. Ich hole den Anker alleine hoch, ohne vorher die Motoren anzuwerfen. Vom Geräusch der Ankerkette werden dennoch alle wach. Wieder geht es durch die schmale Gasse hindurch, ich habe wirklich das Gefühl, ich bräuchte nur die Arme ausstrecken, um links und rechts die Korallen zu berühren. Sobaldwir draußen sind, setzen wir die Segel, das Groß mit einem Reff, das Vorsegel komplett. Mittlerweile klappen die Manöver recht rordentlich. Wir können den Kurs nach Rock Sound, der südlichsten großen Bucht von Eleuthera, genau anliegen, wir haben sogar noch ein paar Grad Luft, die ich auch ausnutze um soviel Höhe wie möglich zu laufen. Kaum sind wir auf Kurs werden wir auf Deutsch angefunkt: „Jabulo, Jabulo, guten Morgen“ Ich bin etwas überrascht und reagierte etwas langsam. Da kommt auch schon der zweite Anruf. Es ist Herwig von der Worlddancer, er und Ralph mit der MORA haben draußen vor der Küste übernachtet und segeln ca. 2 Meilen vor uns zum selben Ziel, der Bucht von Rock Sound.

Anfänglich ist der Wind reichlich schwach, nur 8-10 Knoten, alle drei Yachten bewegen sich mit 4,5 bis 6 kn nach Südosten. Nach ein paar Stunden kommen dann die versprochenen 14-18 kn Wind, wir werden immer schneller. Jetzt kann der Katamaran seine Stärke ausspielen, er braucht immer etwas mehr Wind um zu laufen. Obwohl wir immer noch ein Reff im Groß haben, laufen wir immer über 7, manchmal bis zu 9 Knoten und das 40° am Wind. Langsam kommen wir immer dichter an die beiden Einrümpfer heran. Da kommt mir eine Idee. Ich habe zwar jede Menge Bilder von JABULO vor Anker, aber keine unter Segeln. Ich funke Herwig an, ob er nicht ein paar Schnappschüsse machen kann, wenn wir an ihm vorbei ziehen. Ich schieße dann umgekehrt auch Bilder von der Worlddancer in voller Fahrt. So machen wir es, in Rock Sound können wir dann die Dateien überspielen. Ich steuere ziemlich dicht an die Worlddancer heran und so kommen wir zu etlichen schönen Fotos.

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Endlich ein Bild von JABULO unter Segeln

Der Wind lässt leider gerade während der Fotosession nach, die Bugwelle und das Kielwasser schäumen nicht sonderlich. Später weht es wieder kräftiger, Worlddancer fährt Schlangenlinien und muss reffen. Am frühen Nachmittag läuft der deutsche Geleitzug in der Bucht von Rock Sound ein und ankert vor dem gemeinde-eigenen Dinghi-Dock.

Ich kopiere die unterwegs geschossenen Bilder und Videos auf einen USB-Stick und fahre zur Worlddancer rüber, um ihn zu überbringen. Wie unter Seglern üblich, geht der Besuch nicht ohne Bier ab. Ralph von der MORA kommt auch noch für einen Moment an Bord. Ich lade spontan die beiden Besatzungen für morgen Abend zur Pizza ein. Meine Crew wartet ohnehin schon lange drauf, dass ich mich endlich als Pizzabäcker betätige. Für mehr Leute lohnt es sich wenigstens.

 

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