KW 39, ab 25. Sept.

25. September, Montag Whitestone nach Deltaville 15 nm

Um acht Uhr wache ich auf, bereite mir aus den Restvorräten ein Frühstück und lichte dann den Anker. Unter Motor tuckere ich die 10 Meilen um die Ecke von Windmill Point in Richtung Stingray Boatyard in Deltaville. Dort habe ich mich für heute morgen angemeldet. Um ca. 11:00 Uhr fahre ich vorsichtig an den Steg der Werft heran, da ich mich nicht darauf verlassen kann, dass beide Saildrives auch rückwärts einkuppeln. Rick und mehrere seiner Leute kommen aber sofort herbei und übernehmen die bereit gelegten Leinen. Eine Stunde später steht JABULO mit frisch gewaschenem Unterwasserschiff wieder auf dem Trockenen. Irgendwie vermisse ich eine Fanfare oder sonst ein besonderes Signal, dass ich den ersten Reiseabschnitt geschafft habe, eine Zeremonie mit Sektempfang oder so wäre nicht schlecht. So ist es nur ein großer Schritt für mich, aber nur ein kleiner unbedeutender für den Rest der Welt.

Ich installiere die Bordstromversorgung und überprüfe die vorhandenen Vorräte. Ich werde noch 2 Wochen hier bleiben, danach geht es für einen Monat nach Hause und ich will möglichst wenig verderbliche Lebensmittel an Bord lassen. Mit dem Auto der Werft besorge ich ein wenig Obst, Fleisch und Getränke und richte mich häuslich ein. Den Nachmittag und Abend verbringe ich mit Mailverkehr, Kontokontrolle und Aktualisierung meiner Meilenbilanz. Zum Glück steht JABULO noch im Abstrahlbereich der WLAN-Antenne der Werft, so dass ich permanenten Internetzugang habe, wenn auch nur mit geringer Bandbreite.

26. September bis 09. Oktober, Deltaville an Land

Per Mail hatte ich schon eine Liste der auszuführenden Arbeiten an die Werft geschickt, jetzt kontrolliere ich noch mal, ob ich auch nichts vergessen habe. Die wichtigsten Arbeiten sind die Ölwechsel der Motoren und der Saildrives. Mittlerweile kuppeln diese teilweise überhaupt nicht mehr ein, weder im Rückwärts- noch im Vorwärtsgang. Hoffentlich ist nichts Ernstes defekt. Unterwegs haben andere Segler von ähnlichen Problemen berichtet, meistens war nur das Getriebeöl verschlissen. Anscheinend muss das tatsächlich sehr häufig gewechselt werden. Dann ist der Unterwasseranstrich an einigen Stellen abgekratzt, das müssen die Stellen gewesen sein, wo die Fischerbojen bzw. deren Leinen am Rumpf entlang geschabt sind. Ein neues Anemometer muss her, das aktuelle zeigt bei wenig Wind nichts an, und ich bin nicht sicher, ob der Wert bei stärkerem Wind stimmt. Dann muss der ausfahrbare Kranarm des Baumes demontiert, überprüft und gegebenenfalls repariert werden. Irgendwas tief drinnen ist nicht in Ordnung und verklemmt sich mit dem Unterliekstrecker. Ansonsten sind ein paar kleinere Kratzer am Rumpf entstanden, die mit neuem Gelcoat versehen werden müssen. Nach der Überarbeitung der Liste beginne ich mit einer Generalreinigung des gesamten Schiffes und putze erstmal alle Innenräume systematisch durch. Danach ist der Dienstag rum.

Von außen sieht das Schiff furchtbar aus, beide Rümpfe sind von den Bugspitzen bis zum Heck oberhalb der Wasserlinie mit einem gelben Algenbelag bedeckt. An den Seiten sind schwarze Reibspuren von den in einigen kanadischen Häfen als Fender dienenden Autoreifen zu sehen. Meister Proper, Spülmittel und auch Waschmittel versagen kläglich, die Verschmutzung sitzt offensichtlich tief in den Poren des Gelcoats. Unter der Spüle finde ich einen kleinen Restbestand eines Mittels namens „On + Off“ das sich Hull&Bottom Cleaner nennt. Ein Versuch kann nicht schaden. An einer tief gelb verfärbten Stelle am Bug trage ich das Mittel mit einem Küchenschwamm auf. Das Zeug funktioniert tatsächlich, nach ein paar Minuten Einwirkzeit erstrahlt die Teststelle in Originalweiß. Das Mittel wirkt so gut, dass sich auch der Schwamm langsam auflöst, zum Glück habe ich mir einen Latexhandschuh angezogen. Nun schaue ich genauer hin, woraus das Wunderzeug besteht: Salzsäure, Phosphorsäure, Oxalsäure, Wasser und Detergentien. Für das ganze Schiff reicht die kleine Restflasche sicher nicht, ich bestelle bei Defender 2 Gallonen davon, zusammen mit Schutzanzügen, säurefesten Arbeitshandschuhen und ein paar Schwämmen. Da wir unseren Wasserschlauch in Kanada haben liegen lassen, ordere ich noch zwei ultraflexible weiche Schläuche mit.

Bis die Lieferung erfolgt, mache ich innen im Schiff weiter. Der Thermostat des Einbaukühlschranks funktioniert nicht, d.h. der Kompressor läuft ununterbrochen, wenn man ihn nicht am Sicherungskasten ausschaltet. Ich räume alles aus und stelle fest, dass jemand den Temperaturfühler direkt in die Lamellen des Verdampfers gesteckt hat, er ist praktisch im Eis eingeschlossen, so kann das nicht funktionieren. Beim Versuch, den Verdampfer auszubauen, zischt es plötzlich, das Kältemittel strömt aus. Prima, jetzt muss ich die gesamte Kühleinheit ausbauen, um von hinten an die Kältemittel-Leitungen aus Kupfer zu kommen. Nach Demontage der Arbeitsplatte sehe ich, dass die Verdampferleitung schon mal unfachmännisch repariert wurde. Laut Rick von der Werft gibt es zwar einen Kältetechniker im Ort, der eine neue Leitung einlöten und einen neuen Thermostat montieren könnte, die Aktion würde aber mit Anreise und Neubefüllung soviel kosten wie ein neuer Kühlschrank. Danach hätte ich dann immer noch den alten unhygienisch verschmutzten Kühlschrank und daneben einen Tiefkühlschrank, den ich gar nicht benötige. Also entschließe ich mich, beide rauszuschmeißen und zwei normale Kühlschränke mit Gefrierfach zu beschaffen. Die Aktion hatte ich ohnehin für Guadeloupe auf meiner Liste. Wieder ein Tag vorbei.

Heute ist Donnerstag, der geht fast komplett damit drauf, die Nische für die Kühlschränke auszumessen und im Internet nach passenden Geräten zu suchen. Bei Defender werde ich letztlich fündig. Dort gibt es Geräte, die mit 12V, 24V, 110V und 230V arbeiten, die Steuerung erkennt die Spannung und schaltet entsprechend auf den aktuellen Wert. Die Lieferung wird eine Woche dauern.

Am nächsten Morgen komme ich bei einem Nachbarkatamaran vorbei, der exakt denselben Yamaha Außenbordmotor hat. Auf meine Nachfrage bestätigt mir der Eigner, dass er ähnliche Probleme damit hatte wie wir, aber mit einem neuen Vergaser läuft der Motor wieder einwandfrei. Bisher hat man mir überall erzählt, dass es keine Ersatzteile mehr gäbe, aber das scheint nicht zu stimmen. Ich verbringe den halben Tag damit, im Internet nach dem genauen Motortyp zu suchen, anscheinend gibt es zig verschiedene Varianten. Schließlich finde ich meinen Motor, der stammt aus dem Jahre 2005. Und tatsächlich gibt es komplette Vergaser und einzelne Dichtungen zu kaufen. Ein chinesischer Nachbau kostet 60 USD, für knappe 200 USD bestelle ich den Original-Yamaha-Vergaser. Am  Nachmittag mache ich mich an mein liebstes Hobby, den Austausch von Lewmar-Lukendichtungen, drei noch nicht eingebaute habe ich noch an Bord. Damit bin ich für zwei Tage beschäftigt. Dann ist Sonntag, ich gönne mir einen freien Tag.

Am Montagmittag kommt die erste Lieferung von Defender mit dem Reinigungsmaterial. Mit Paul, dem Besitzer einer weiteren Dean 440, habe ich am Samstag schon Plastikfolien und Klebestreifen im Baumarkt eingekauft. Mit den Folien decke ich den Unterwasseranstrich ab, damit die Farbe nicht von der Säure aufgelöst wird. Dienstag, Mittwoch und Freitag trage ich von Hand das Reinigungsmittel auf den Rümpfen und auch auf dem Deck auf. Nach jeweils einer halben Stunde Einwirkzeit sprühe ich den aktuellen Bereich mit Wasser ein und spüle die Säure ab. Das Ganze ist eine unheimliche Sauerei. Weil ich meist über Kopf arbeiten muss, läuft mir die Brühe immer wieder den Arm runter bis zur Schulter. Der Schutzanzug nutzt deshalb nicht viel, ich arbeite lieber im T-Shirt und dusche mich immer wieder ab. Am Donnerstagabend erstrahlt JABULO wieder in perfektem Weiß und Paul und ich gehen nach Deltaville zum Asia-Schnellimbiss und genehmigen uns ein großes asiatisches Menü.

Ich habe noch 2 Tage bis zum Rückflug. Rob, einer der ehemaligen Werftarbeiter, wird mich am Montag zum Flughafen nach Richmond fahren. Er betreibt den lokalen UBER Fahrdienst und macht mir einen guten Preis. Ich gehe noch einmal die Liste der auszuführenden Arbeiten durch, räume das Schiff auf und verbringe ansonsten ein ruhiges Wochenende. Das SSB Funkgerät baue ich aus und verpacke es sicher im Koffer, ich möchte die Geräte in Deutschland prüfen lassen.

Direkt neben JABULO steht seit meiner Ankunft die Kassiopeia, eine Einrumpfyacht mit deutscher Flagge. An Bord leben Claudia und Michel aus der Nürnberger Gegend. Sie waren mit dem Schiff schon in Südamerika und ich hole mir Tipps von Ihnen dazu ein, insbesondere zu Brasilien. Sie wollen auch im November in Richtung Bahamas aufbrechen.

Montagmittag um 14:00 Uhr holt Rob mich ab, am Flughafen Richmond wird mir eröffnet, dass der Zubringerflug nach New York gestrichen wurde und ich über Detroit und Amsterdam fliegen müsste. Das bedeutet, dass ich über 10 Stunden später zu Hause ankommen werde und unterwegs ewige Wartezeiten absitzen muss. Nach über 24 Stunden Reisezeit ist es dann endlich geschafft. Ich bin in Freiburg, so todmüde, dass ich den schweren Koffer fast nicht mehr tragen kann. Mittlerweile ist es schon Abend geworden und ich kann somit gleich schlafen gehen.

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