KW 38, ab 18. Sept.

18. September, Montag Cape May nach Ocean City 41 nm

Der Hurrikan Josè ist im Anmarsch. Auch wenn er ca. 500 nm vor der Küste nach Norden zieht, spüren wir die Auswirkungen. Um 07:00 Uhr morgens ist es vollständig bedeckt und es nieselt. Der Wind ist im Hafen aber noch nicht wirklich kräftig. Bei Hochwasser, JABULO schwimmt wieder, ziehen wir den Anker hoch, gefrühstückt wird unterwegs. Außerhalb der Einfahrt bläst es mit 15-20 Knoten direkt aus Nord. So ein Hurrikan hat auch seine Vorteile, er beschert uns nämlich genau den richtigen Wind, um nach Süden zu segeln. Wir setzen nur das Vorsegel, das uns mit 6 Knoten zum nächsten Hafen, Ocean City, zieht. Ich will bei dem Wind und der Welle das Großsegel gar nicht erst setzen. Die Welle ist bereits jetzt früh morgens nicht ohne, im Laufe des Tages bei konstanten 20 kn Wind baut sie sich auf bis zu 2 m Wellenhöhe auf. Da wir aber vor dem Wind segeln, stört uns das nicht, im Gegenteil, wir erleben einen wunderschönen Segeltag. Der Katamaran wird sanft auf und ab gehoben, manchmal surft er die Wellenberge runter, das macht richtig Spaß.

Gegen 14:00 Uhr stehen wir vor der extrem engen Einfahrt von Ocean City, JABULO wird immer langsamer, denn uns kommt ein gewaltiger Ebbstrom entgegen. Die Einfahrt ist der einzige Durchlass weit und breit für die hinter dem Dünenstreifen gelegenen großen Binnengewässer. Direkt zwischen den Einfahrttonnen steht eine Welle von gut und gern 3 m, ich muss beide Motoren auf beinahe Vollgas laufen lassen, damit wir mit vernünftiger Geschwindigkeit da durch kommen. Um uns herum sind ein paar Jetski-Fahrer unterwegs, die die Wellen als Sprungschanze benutzen, immer wieder fahren sie mit hohem Tempo die Wellenberge hoch und fliegen dann wie Skispringer etliche Meter hoch. Für die Piloten muss es so aussehen, als ob  JABULO ebenfalls kurz vor dem Abheben ist, beide Vorschiffe kommen sicherlich komplett aus dem Wasser. Auf jeden Fall schwirren die Jetskifahrer um uns rum und recken den Daumen hoch, schade, dass wir davon keine Bilder machen können.

Sobald wir durch die enge Einfahrt durch sind, beruhigt sich das Wasser schlagartig, die Sunset Marina liegt gleich rechts um die Ecke. Ein erster Versuch, in eine vom Hafenmeister angewiesene Box einzufahren, scheitert, JABULO ist viel zu breit dafür. Wir müssen an einem Außensteg längsseits anlegen. Josè wird mittlerweile immer stärker, wir vertäuen JABULO mit etlichen Leinen und packen alle Fender auf die Stegseite. Viel später hätten wir nicht kommen dürfen, der Sturm bricht jetzt langsam los. Ich melde uns erstmal für 2 Nächte an, mal sehen, wie sich das Wetter entwickelt. Für die Nacht und für morgen sind die stärksten Windböen mit 35 bis 40 kn angekündigt, evtl. können wir am Mittwoch schon weiter fahren. Heute unternehmen wir nichts Großes mehr, Laura und Lukas machen noch einen Spaziergang zum nächsten Supermarkt und kommen durchnässt wieder zurück, es regnet. Nach dem Abendessen, es gibt Lauras Nudel-Tomatenauflauf, verbringen wir einen Fernsehabend wie zu Hause, mit Erdnüssen und Chips.

19. -20 September, Ocean City

Am Dienstag tobt der Sturm um uns herum, der Hurrikan drückt soviel Wasser in die Bucht, dass die Stege bei Flut unter Wasser stehen. Ich nutze den Tag zum Blogschreiben, wir haben hier gutes Internet. Die gesamte angesammelte Wäsche wandert in die Waschmaschine der Marina. Wir duschen ausgiebig, schließlich kostet der Spaß täglich 3 USD pro Fuß. Gegen Nachmittag beruhigt sich das Wetter, der Wind geht zurück auf ca. 15 kn und dreht langsam auf Nordwest, d.h. der Hurrikan ist jetzt nördlich von uns. Ich beobachte stündlich im Internet die Entwicklung, entscheide dann am Abend, dass wir noch einen Tag länger im Hafen bleiben. Der Wind wäre morgen zwar gut für die Überfahrt nach Norfolk, aber wir hätten mindestens tagsüber noch eine enorme Welle gegen uns. Das ist nicht nur unangenehm, sondern beansprucht das Schiff unnötigerweise. Nach Norfolk sind es immerhin hundert Meilen und es gibt bis dahin keinen Hafen mehr, in dem wir bei Müdigkeit oder Erschöpfung Schutz suchen könnten.

Das Wetter wird immer besser, am Mittwochmorgen klart es auf, damit ist der Mittwoch ein Tag zum Entspannen. Die Besitzer der vielen Motoryachten finden das wohl auch, denn ab Mittag herrscht reges Treiben im Restaurant der Marina. Außer uns liegt nur noch ein einziges weiteres Segelboot hier, ansonsten sehen wir nur Motoryachten, vom kleinen Anglerboot bis zur 30 m Luxusyacht ist alles vertreten. Bisher ist dies die luxuriöseste Marina, in der wir waren. Es gibt mehrere eiskalt klimatisierte Sanitärgebäude, in denen man nach dem Duschen sich sofort warm anziehen muss. Neben den Waschbecken hängen Fernseher, die ständig Football und Nachrichten zeigen. Das vermisse ich auf JABULO am meisten, dass ich im Bad fernsehen kann. Die beiden Swimmingpools sind bereits geschlossen, dafür herrscht ab 17:00 Uhr an der zentralen Bar ein regelrechtes Gedränge, bis 19:00 ist „Happy Hour“, d.h. man bekommt immer gleich 2 Drinks für den Preis von einem. Dementsprechend steigt das Stimmungsbarometer und damit auch der Geräuschpegel. Die meisten Besucher sind älteren Semesters. Mit Erschrecken wird mir klar, dass ich eigentlich auch in diese Kategorie falle. Werde ich irgendwann Abend für Abend in einer Marina hocken? Ich wandere während der „Happy Hour“ noch ein wenig in der Marina herum und versuche, die Atmosphäre mit dem Fotoapparat einzufangen.

21. September, Donnerstag Ocean City nach Norfolk 100 nm

Nach Norfolk sind es, wie gesagt, 100 nm. Das bedeutet wir werden zwischen 20 und 24 Stunden benötigen. Da ich nicht im Dunkeln anlegen möchte, macht es keinen Sinn, vor ca. 07:00 in Norfolk zu sein. Der Wind hat sich vollständig gelegt, um halb neun fahren wir los, die enge Hafeneinfahrt gibt sich heute völlig harmlos. Nach einer Meile aufs Meer hinaus können wir auf den direkten Zielkurs zur Chesapeake Bay Mündung einschwenken, es sind nur hin und wieder geringe Kurskorrekturen erforderlich. Das Meer ist eigentlich sehr ruhig, es gibt nur kleine, aber gemeine Wellen, die JABULO immer wieder schaukeln lassen, so dass es Laura zu guter Letzt noch einmal mit der Seekrankheit zu tun bekommt.

Am Nachmittag gibt es ein Spektakel der besonderen Art zu sehen, backbord achteraus vergnügen sich Delphine mit Sprüngen aus dem Wasser hoch in die Luft. Das Wasser um sie herum brodelt, wir sind leider zu weit entfernt, um zu erkennen, ob es sich um einen Fischschwarm handelt, oder ob die Delphine die Strudel verursachen.

Wir wechseln zwischen den beiden Motoren hin und her, es müssen nicht beide laufen. Nachts lösen Lukas und ich uns bei der Wache ab, außer uns ist so dicht unter der Küste kein Mensch auf dem Wasser.

22. September, Freitag Norfolk

Bereits um 3 Uhr morgens sehe ich die ersten Lichter der gewaltigen Cheaspeake Bay Brücke, die an zwei Stellen in Tunnel übergeht, damit Schiffe hindurch können. Die Brücke selbst ist ziemlich niedrig, nur Motorboote können unterdurch fahren. Unser Timing ist exzellent, bei Sonnenaufgang erreichen wir die südliche Brückendurchfahrt und pünktlich um 07:00 Uhr laufen wir in Cobbs Marina im Little Creek Harbor ein. In dieser Bucht liegt ein Teil der amerikanischen Navy, man sollte sich möglichst weit am anderen Ufer halten, um der Marine nicht zu nahe zu kommen. Nach dem Festmachen melde ich uns in der Marina an, Laura und Lukas packen ihre Sachen und gehen noch schnell an Land duschen. Dann machen sie sich per Uber auf zum Flughafen, wo ihr Leihwagen auf sie wartet. Es wird fast 10 Uhr, bis sie wieder da sind und ihr Gepäck eingeladen haben. Wir verabschieden uns, es war trotz einiger kleiner Unstimmigkeiten schön mit Euch zu reisen. Ich wünsche Euch alles Gute bei der Wohnungssuche und Euren weiteren Berufsplänen.

Jetzt bin ich wieder alleine an Bord, eine Last fällt ab. Nicht dass die Mitsegler eine Last an sich wären, aber nur für mich denken, sorgen und organisieren zu müssen, ist eine Erleichterung. Da ich nach der fast vollständig durchwachten Nacht todmüde bin,  gehe ich alles Weitere sehr langsam an. Erst nach dem Mittag kann ich mich aufraffen, im nahe gelegenen Einkaufszentrum ein 12-Pack Bier und etwas zum Essen zu besorgen. Ein Paket mit Steaks springt mir sozusagen von alleine in den Einkaufskorb, ich wehre mich auch nur schwach. Am späten Nachmittag kommt eines davon in die Pfanne, dazu gibt es Pellkartoffeln mit Frischkäse.

Während ich auf meiner Veranda genüsslich das Steak verzehre, kommen immer mal wieder Leute mit einem Klappstuhl in der Hand am Boot vorbei und es entwickelt sich eine Art Stegparty vor dem benachbarten Boot. Als ich nach dem Essen vom Schiff steige, werde ich sofort dazu eingeladen. Wir sitzen bis spät abends draußen und diskutieren bei Wein und Bier über Gott und die Welt. Wie stets bei solchen Anlässen dauert es nicht lange und wir sind bei Donald Trump gelandet. Dieser Präsident schafft es offensichtlich, das Volk in extreme Gegner und Befürworter zu spalten, wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Für ihn war übrigens keiner der Anwesenden. Auch hier bestärkt sich mein wiederholt gewonnener Eindruck, dass viele US- Bürger sehr wohl einen Staat mit Steuern und Sozialsystem ähnlich wie in Europa befürworten und auch bereit sind, dafür zui bezahlen. Aber alle sind ratlos, wie man da hinkommen könnte, weil die Politiker beider Parteien anscheinend in einer anderen Welt leben wie die meisten ihrer Landsleute. Sämtliche Ansätze, den extremen Kapitalismuskurs zu verlassen, werden mit dem Kommunismus-Argument erschlagen, als ob es nichts dazwischen gäbe.

23. September, Samstag Norfolk Whitestone 50 nm

Die Cobbs Marina liegt ideal, sie ist sehr dicht an der Mündung der Chesapeake Bay, sie ist gut geschützt, die Preise sind mit 1,50 USD pro Fuß moderat, die Leute sind nett und freundlich und ein Einkaufszentrum ist in der Nähe. Als Absprungsort für den Trip zu den Bahamas bietet sie sich geradezu an. Auf meine Nachfrage bestätigt mir der Hafenmeister, dass Anfang November immer Plätze frei seien und ich gern kommen könnte. Aber vorerst muss ich noch mal nach Norden, nach Deltaville. Morgens um 09:00 Uhr lege ich ab, der leichte Wind treibt mich vom Steg weg, so ist es einfach, alleine zu manövrieren. Nach knapp einer Stunde quere ich das Hauptfahrwasser, das AIS zeigt mir ein U-Boot in Überwasserfahrt an, das dahinter fahrende Kommandoschif der Navy hat das AIS ausgeschaltet, ist aber unübersehbar. Nach Deltaville bzw. Whitestone geht es exakt nach Norden, vor mir liegen die letzten 50 Seemeilen. Leider ist der Wind schwach bis gar nicht vorhanden, ich muss leider motoren, gern hätte ich nochmal einen schönen Segeltag gehabt. Das Wetter ist phantastisch, die Sonne scheint, es ist angenehm warm, wie auf der ganzen bisherigen Fahrt kaum jemals. Ich ziehe alle Klamotten aus, lege mich auf auf einerm Kissen der Länge nach splitternackt aufs Vordeck und genieße den warmen Fahrtwind, ein kleiner Vorgeschmack auf die Karibik. Auf der ganzen Strecke kommt kein anderes Schiff nahe genug, dass ich mir wieder etwas anziehen müsste. Leider gibt es da einige Körperstellen, die bisher eher weniger Sonne gesehen haben, prompt protestieren sie mit Rotfärbung gegen diese ungewohnte Behandlung.

Nach ca. sieben Stunden gemütlicher Fahrt erreiche ich Windmill Point, danach geht es noch 2 Meilen in die Bucht von Whitestone, wo ich direkt vor dem Haus der Barnes ankere. Lena, Renny und ein paar Freunde haben meine Ankunft schon lange beobachtet, ich höre das Quietschen des Bootslifts, zehn Minuten später kommen sie längsseits um mich abzuholen. So muss ich Klein-Jabulo nicht ins Wasser lassen. Über Nacht bleibe ich an Land und schlafe das erste Mal seit 5 Monaten wieder in einem Haus.

24. September, Sonntag Whitestone

Am Sonntagmorgen bereitet Lena ein opulentes Frühstück, anschließend sitzen Renny und ich in seinem Fernsehzimmer und unterhalten uns über Gott und die Welt. Da seine Hüften nicht beser geworden sind, ist er dazu verdammt, seine Tage überwiegend im Sessel zu verbringen. So richtig kann er sich nicht entschließen, sich neue Gelenke einsetzen zu lassen. Er befürchtet, dass es hinterher nicht viel besser ist. Gegen Mittag gibt es noch einen Imbiss mit gegrilltem Hähnchen, Lena hat auf dem Rückweg von der Kirche eingekauft. Ich will meinen Aufenthalt nicht überstrapazieren und bitte Renny, mich nach dem Essen zum Schiff zurück zu bringen. So wie es aussieht, wird es ein Abschied für länger, wenn nicht gar für immer. Die Barnes werden Ende des Monats in ihr neues Haus weiter im Norden umziehen und Whitestone nur noch im Sommer nutzen. Bei meiner voraussichtlichen Rückkehr Anfang November werden sie schon nicht mehr da sein. Vielen, vielen Dank, Lena und Renny, für Eure über ein Jahr dauernde Gastfreundschaft. Zurück auf Jabulo gehe ich erstmal schwimmen und verbringe den restlichen Tag mit Lesen und Blogschreiben.

 

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